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Natur & Kultur  (LabSaal Lübars) e.V.

Konzertkritik
Auftritt der „Klezmischpoche“ am 25.2.2006 – Orangerie / Oranienburg
Märkische Allgemeine 27.2.2006
 

Der Rabbi trinkt Branntwein

Die Kapelle "Klezmischpoche" bezauberte mit jiddischen Liedern voll Freude und Wehmut

ORANIENBURG

 



Die Musiker greifen zu den Instrumenten, aber die Sängerin nörgelt. Sie soll ein Trinklied anstimmen. Doch der Inhalt ihres Glases lässt zu wünschen übrig. "Leider nur Leitungswasser. Ich weiß nicht, ob das damit klappt, aber ich probiere es."

Es klappt. Ganz wunderbar sogar. Das Publikum applaudiert begeistert. Einige wippen die Füße auf und ab - der Rhythmus geht in die Beine.

Die Orangerie ist voll bis auf den letzten Platz. Noch enger geht es auf der Bühne zu. Dort drängeln sich außer der Vokalistin weitere 13 Musiker der Formation "Klezmischpoche" aus Lübars. Kontrabass, Mandoline, Flöte, Gitarre, Schlagzeug, Cello, Klarinette, Akkordeon, Geigen - die Klezmermusik bietet einen Rundumschlag durch die Welt der Instrumente.

Nur wenige der Hobbymusiker sind jüdischer Abstammung. Dennoch will die seit zehn Jahren aktive Kapelle die ostjüdische Volksmusik und die jiddische Sprache bewahren. Mit Songs voller Wehmut, Hoffnung, Sehnsucht und hintergründigem Witz. Zwischen den Liedern macht der graubärtige Herr mit dem Hut launige Anmerkungen.

Mischpoche bedeutet Bande, Sippschaft oder Familie, erklärt der Mann, der zugleich Sänger und Mandolinenspieler ist. Er erklärt die Lieder, ihren Inhalt und die Hintergründe der Songs - kurzweilige Abstecher in die Geschichte der Klezmermusik. Dann singt er von dem wenig frommen Rabbi, der Branntwein liebt. Schnell geht den Zechern der Alkohol aus. Mit einem Pferdekarren wollen sie zu einer Kneipe fahren. Erbarmungslos treiben die Angeheiterten den Gaul an. "Kann das Pferd nicht schneller laufen, müssen wir es halt verkaufen."

Ja, der Branntwein. Brandwein, mit Vornamen Naftule, hieß auch ein berühmter Klezmermusiker der frühen 20erJahre. In New York, wohin der legendäre Klarinettist als 19-Jähriger aus Galizien emigriert war, nannte er sich "King of Jewish Music".

Wehe denen, die daheim geblieben waren. Der Graubärtige erzählt von ostjüdischen Jugendlichen, die am Lagerfeuer Lieder über eine hoffnungsvolle Zukunft sangen. "Die ist, wie wir wissen, nicht eingetreten."

Der Graubärtige erinnert an das Ghetto von Wilna. Dort hatte ein Kabarettist seine Zweifel an der Existenz Gottes in einem Song verarbeitet. Er sah, wie die SS dort wütete und fragte nach dem Warum. Die Melodie ähnelt einem Tango. "Man sollte besser nicht danach tanzen." (Oberhavel)

FRITZ HERMANN KÖSER